Vergebung in der Bibel: was Jesus uns lehrt

Kaum ein Wort ist im Neuen Testament so zentral und so schwer wie „Vergebung“. Eine Betrachtung zu Matthäus 6, Matthäus 18 und Kolosser 3. Tag 70 des Plans Bibel in einem Jahr.

Der Vers

„Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben.“ Matthäus 6:14-15 (Luther 1912)

Jesus hat nicht viele Themen so radikal behandelt wie Vergebung. Er stellt sie gleich nach dem Vaterunser, das er gerade gelehrt hat — so, als ob dieser Vers der Schlüssel zum ganzen Gebet wäre. Er ist es.

Zusammenhang

Matthäus 6 ist Teil der Bergpredigt. Nach dem Vaterunser mit seiner Bitte „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern“ kommentiert Jesus selbst: Die einzige Bitte, die er aus dem Gebet herausgreift, ist die über Vergebung. Das sollte uns aufhorchen lassen.

In Matthäus 18 fragt Petrus: „HERR, wie oft muß ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Ist’s genug siebenmal?“ (V. 21). Jesus antwortet: „siebzigmal siebenmal“ — und erzählt dann das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht. Ein König erlässt seinem Knecht zehntausend Zentner, eine unvorstellbare Summe. Der Knecht geht hinaus und packt seinen Mitknecht, der ihm hundert Groschen schuldet, an der Kehle. Als der König davon hört, macht er die Vergebung rückgängig. „Also wird euch mein himmlischer Vater auch tun, so ihr nicht vergebet von eurem Herzen, ein jeglicher seinem Bruder seine Fehler“ (V. 35).

Kolosser 3:13 fasst Paulus’ Variante zusammen: „Und vertrage einer den andern und vergebet euch untereinander, so jemand Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, also auch ihr.“ Die Begründung der Vergebung ist nie das Verdienst des anderen. Sie ist immer die Vergebung, die wir selbst schon empfangen haben.

Bedeutung

Die Bibel lehrt Vergebung in mehreren Schichten, die Missverständnisse abbauen und die Tiefe freilegen.

Vergebung ist keine Leistung, sondern eine Frucht. Ich vergebe nicht aus eigener Kraft, sondern weil mir vergeben wurde. Das Gleichnis in Matthäus 18 macht das unübersehbar: Der Erlass der großen Schuld ist die einzige Basis, auf der der Erlass der kleinen Schuld wirklich möglich wird. Ohne Evangelium gibt es keine echte Vergebung.

Vergebung ist keine Erklärung, dass das Geschehene egal ist. Gott vergibt nicht, indem er die Sünde klein macht, sondern indem er sie groß macht — so groß, dass sein Sohn sie tragen muss. Biblische Vergebung leugnet das Unrecht nicht. Sie gibt die Rache in Gottes Hand. „Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der HERR“ (Römer 12:19).

Vergebung ist nicht dasselbe wie Vertrauen. Du kannst einem Menschen vergeben und ihm dennoch keinen zweiten Schlüssel zu deiner Wohnung geben. Vergebung ist Geschenk; Vertrauen wird verdient. Die Bibel vermischt die zwei nie. Jesus vergab vielen, vertraute sich aber nicht jedem an (Johannes 2:24-25).

Vergebung ist Prozess. Siebzigmal siebenmal bedeutet nicht 490 Mal. Es bedeutet: Vergeben ist eine Haltung, die immer wieder neu vollzogen wird, weil alte Verletzungen immer wieder neu hochkommen können. Jedes Mal legst du sie in die Hand Gottes, und jedes Mal wirst du ein Stück freier.

Vergebung ist Befreiung. Der Gefangene in einer nicht vergebenen Schuld ist selten der Täter — meist ist es das Opfer. Unvergebene Bitterkeit vergiftet den, der sie hält. Hebräer 12:15 warnt vor der „Wurzel der Bitterkeit“, die „viele verunreinigt“. Vergebung ist der Schnitt an der Wurzel.

Wie du es anwendest

  1. Benenne die Verletzung genau. Schwammige Vergebung ist keine. Sag im Gebet, was geschehen ist, wie es dich verletzt hat und warum es falsch war. Gott erschrickt nicht vor der Wahrheit.
  2. Gib die Rache aus der Hand. Sprich laut: „Gott, du bist der Richter. Ich übergebe dir diesen Menschen und diese Tat.“ Damit übernimmt er, was du nicht tragen musst.
  3. Erinnere dich an deine eigene Vergebung. Zehntausend Zentner — das ist, was Gott dir erlassen hat. Keine noch so tiefe Verletzung durch einen anderen ist mehr als das.
  4. Setze Grenzen, wo nötig. Vergeben ist nicht, sich weiter verletzen zu lassen. Bleibe weise in Bezug auf Nähe, Verantwortung, Kontakt. Vergebung und Grenzen schließen sich nicht aus.
  5. Vergib, bevor du fühlst, dass du kannst. Oft kommt das Gefühl nach dem Willen, nicht umgekehrt. Bete: „HERR, ich will wollen.“ Das ist der Anfang.

Verwandte Verse

Besinnung

Vergebung ist kein einzelner Akt, sie ist die Luft, in der ein Christ atmet. Wir werden vergeben, und wir vergeben. Beides gehört zusammen. Wenn du heute eine unvergebene Last trägst, bring sie in den Lichtkegel des Kreuzes. Dort ist größere Schuld gesühnt worden, als du zu tragen hast. Dort ist Vergebung erkauft worden, die größer ist, als was du zu geben hast. Von dort aus wird dein Ja zum Vergeben möglich — nicht leicht, aber möglich.

Häufige Fragen

Was sagt die Bibel über Vergebung?

Die Bibel stellt Vergebung ins Herz des Evangeliums. Matthäus 6:14-15 verbindet unser Vergeben mit dem Vergebenwerden. Kolosser 3:13: „Vergebet einer dem andern, wie Christus euch vergeben hat.“ Vergebung ist nicht Zusatz, sie ist Kennzeichen.

Wie oft soll ich vergeben?

Petrus fragt: Siebenmal? Jesus antwortet: „Siebzigmal siebenmal“ (Matthäus 18:22). Das ist keine Rechnung, sondern eine Haltung. Christen hören nicht auf zu vergeben, weil sie selbst nie aufhören, Vergebung zu empfangen.

Heißt Vergeben auch Vergessen oder Freisprechen?

Nein. Vergebung heißt, die Rache aus der Hand zu geben und Gott zu überlassen. Sie bedeutet nicht, das Geschehene zu leugnen, nicht, Vertrauen ohne Prüfung zu erneuern, und nicht, dass weltliche Folgen entfallen. Sie befreit dich, nicht unbedingt den Täter.

Was tue ich, wenn ich nicht vergeben kann?

Bete um den Willen zu wollen. Vergebung ist oft ein Weg, keine Sekunde. Der Weg beginnt damit, dass du vor Gott aussprichst, was geschehen ist, seine Gerechtigkeit anerkennst und Schritt für Schritt die Last wieder in seine Hand legst, so oft sie zurückkommt.

Wie verändert Gottes Vergebung mich selbst?

Das Gleichnis in Matthäus 18 zeigt: Wer die große Schuld erlassen bekommen hat und dann die kleine Schuld nicht erlässt, lebt gegen das Evangelium, das ihn gerettet hat. Vergebenwerden macht vergebungsbereit — sonst war das Vergebenwerden nicht verstanden.